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Ist „Bullerbü“ nur eine schön erdachte Geschichte für Kinder?

Liebe Eltern,
nachdem mich der Arbeits-Alltag wieder hat, geht es mir wie Ihnen allen: meine Gedanken wandern zu meinen Ferien-Erlebnissen.
Wie ich hier beschrieb, besuchte ich das Land und den Ort, wo Astrid Lindgren und ihre Geschwister aufwuchsen, erlebte die wilde Natur Schwedens und das bäuerliche Gehöft von Lindgrens Eltern. Es war schön dort und doch war Lindgrens Heimat einst ein Gehöft, das aussah, wie viele bäuerliche Anwesen zu jener Zeit aussahen. Etwas Besonderes wurde der Ort nur, weil wir heute wissen, dass dort Kinder auf intensive Weise spielen konnten, so intensiv, dass die Erzählungen darüber Kinder (und Erwachsene) weltweit erreichen, sie berühren und in Kindern eine  Sehnsucht nach „Mehr von uns Kindern aus Bullerbü“ auslösen. Sind solche Sehnsüchte einfach nur Träume, von denen man sich verabschieden sollte, weil sie unrealistisch waren oder eben heute einfach vorbei sind ?

Es gibt Fachleute, die energisch dafür eintreten, dass wir den heutigen Kindern schnell in die Nüchternheit der heutigen Welt hinein helfen und wir ihnen kein Futter für ihre Kinder-Sehnsüchte nach Bullerbü geben sollten. Bullerbü habe es nie gegeben und Kinder müssten, je schneller umso besser, sich mit den ganz realen Gegebenheiten der Welt im Hier und Jetzt zurecht finden.
Ich widerspreche. Warum?
Bullerbü hat es gegeben, und die Sehnsucht von Kindern, so spielen zu dürfen wie die Kinder von Bullerbü ist berechtigt, denn ausgiebiges Spiel, möglichst unter befreundeten Kindern, hilft wie eh und je, also auch den heutigen Kindern enorm, psychisch und körperlich gesund zu bleiben.
Wie ich schon beschrieb: Lindgren wiederholte oft, dass ihre Erzählungen über die Kinder von Bullerbü (und nicht nur diese, sondern viele ihrer Erzählungen) sich aus ihren realen Erinnerungen nährten, wie sie als Kinder unter Erwachsenen spielen durften. In der Familie Ericsson-Lindgren heißt das kleine, rote Haus, in dem Astrid und ihre Geschwister aufwuchsen bis heute „Bullerbü“. Hier hat sich viel von Lindgrens Erzählungen tatsächlich abgespielt, hier nahm es seinen Anfang. Bullerbü war keinesfalls nur ein schön ausgedachter Traum, sondern war von jeher ein Erzählen von etwas, was für Kinder Wirklichkeit war.
Dass „Bullerbü“ wichtige Sehnsüchte und Bedürfnisse von Kindern beschreibt, bestätigt die Tatsache, dass Kinder weltweit und bis heute sich danach sehnen, so oder ähnlich spielen zu dürfen: Als Kind unter Kindern, zu denen man sich zugehörig fühlt; Tag um Tag ein „Spielen mit Fortsetzung“, mit sich weiter spinnenden Spiel-Ideen, unter Kindern frei, frei von der dauernden Aufsicht durch Erwachsene; und doch braucht es auch sie,  denn natürlich sind Erwachsene  -auch in Bullerbü-  wichtig als jene, die für Kinder sorgen („Wir fragten Mama ..“), die sich einmischen, die Kinderspiele beobachten und kommentieren (Eltern, aber auch Großeltern, der Großvater aus Bullerbü), für die man Dinge erledigen muss (Mithelfen in Haus und Hof), und mit denen man Schönes erleben kann (z.B. das jährliche Krebse-Fangen – etwas, das bis heute in den Familien Schwedens im Sommer zelebriert wird). Da Kinder sich so danach sehnen, ist berechtigt, es ernst zu nehmen, denn in Sehnsüchten drücken sich wichtige Bedürfnisse aus, was Menschen als junge Menschen brauchen, um sich ausgeglichen entwickeln zu können. Immer wieder werde ich Sie bestärken,  Kinder – Sehnsüchte als bleibend wichtig anzusehen und werde behilflich sein, was und wie wir davon vieles in unserer jetzigen Zeit für Kinder umsetzen können, denn viel mehr ist „machbar“ – natürlich nicht mehr auf den bäuerlichen Gehöften jener Zeit, aber durchaus in unseren aktuellen Lebenswelten.

Warum ich  so überzeugt bin? Fast täglich höre ich von Eltern, wenn sie mit ihren Kindern zu beratenden Gesprächen kommen, den Satz: „Hier endlich, bei Ihnen spielt dieses Kind; zu Hause spielt es so nicht, nervt es nur.“ Jedes Mal beobachte ich – und teile mit den Eltern diese Beobachtung gerne – dass Kinder dann konzentriert ins Spiel finden, wenn wir zu Beginn von etwas, was wir Erwachsenen vorhaben (hier: ins Gespräch finden),  zuallererst dem Bedürfnis eines Kindes, sich ins Spielen vertiefen zu dürfen, Raum geben. Man kann überall beobachten, dass Kinder konzentriert und ruhig verträumt werden (also in gewisser Weise ein Stück „Bullerbü“ plötzlich in ihnen entsteht), wenn wir zuerst der Frage nachgehen: „Was und womit würdest Du gerne hier spielen?“ Wenn wir diese Frage immer zuerst stellen und einem anwesenden Kind behilflich sind (besonders auch dann, wenn es alleine ist, es Zeit unter Erwachsenen, ohne andere Kinder aushalten soll), in Spiel-Ideen hinein zu finden, dann wird meiner Erfahrung nach jedes Kind ausgeglichen, ist in seinem Verhalten für Erwachsene nicht mehr nörgelnd anstrengend.
Oft sind es Kleinigkeiten, die ein Kind dazu braucht, aber wenn man fragt, worauf es Lust hat („Sollen wir Autos hervor holen? Oder Tiere? Willst Du die Puppe haben?“), bekommt man immer eine Antwort;  man ist behilflich, die Dinge herbei zu holen, äußert vielleicht noch eine erste Idee („Magst Du die Tiere füttern?“ „Brauchst Du noch etwas, um eine Straße zu bauen für die Autos?“ „Sollen wir schauen, wo die Puppen schlafen könnten?“) – und schon verschwindet das Kind in seine Phantasie.
Ich bin sicher, dass die Anerkennung des Bedürfnisses, dass ein Kind ein Kind sein und damit spielen, spielen, spielen will,  es ist, was wir überall einfach umsetzen können.  Helfen Sie sich und Ihrem Kind also zuallererst mit genau dieser Frage: „Was könntest Du hier spielen?“ Sie werden erleben, dass Ruhe und Konzentration sich ausbreiten und Sie infolge alles tun können, was Sie vorhaben.
Nicht nur dies, aber zentral diese Tatsache hat Lindgren für die Kinder weltweit erkannt und in ihren Erzählungen liebevoll beschrieben, wie sehr intensives Spielen für Kinder nährend ist.
Vielleicht fallen Ihnen viele Ihrer Spiel-Erinnerungen wieder ein, was Sie als Kind am liebsten taten? Sie gelten bis heute.
Mehr wieder beim nächsten Mal,
bis dahin herzlichst
Ingrid Löbner

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