Allgemein

Trödeln, Zeit, Ruhe – warum brauchen Familien so viel davon?

Liebe Eltern,

ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein frohes, gesundes und hoffentlich gelassenes Neues Jahr 2019! Ich habe etwas länger hier nichts mehr von mir lesen lassen, da ich kaum zum Schreiben kam in den vergangenen Wochen. Auch wegen Weihnachten und Neujahr, aber vor allem auch weil meine Familie zur Zeit einfach mehr meine Zeit braucht. Und so schreibe heute etwas auf, was wir Erwachsenen im Grunde alle wissen:

Krankheiten und schwierige Situationen kommen unverhofft in jede Familie – und diejenigen, die davon betroffen sind, wünschen sich nichts sehnlicher, als dass vertraute Menschen dann Zeit haben. Es kann für jeden von uns von einem Tag auf den anderen so sein: Plötzlich ist man lange Zeit schwach – es reicht ein tägliches Ungeschick oder ein Unfall verbunden  mit Komplikationen und schwierigen Behandlungen – und wie einst als kleines Kind braucht man plötzlich bei allem Hilfe. Und genau wie einst als Kind will man, dass einem diejenigen helfen, die man gut kennt, die auch Kleinigkeiten körperlicher Notwendigkeiten verstehen und, nicht zuletzt,  bei denen man das alles beklagen, man auch weinen darf.

In solchen Zeiten macht es uns ja alle nachdenklich, wie zentral wichtig es für jeden von uns ist, dass wir nicht immer nur stark sein und funktionieren können, sondern dass wir auch schwach sind; dass wir alle Zeiten haben, manchmal viel länger als gedacht haben, in denen es Grund für Unbehagen, manchmal auch für wirkliches Jammern gibt; dass man sich dabei dann manchmal dafür schämt, und weil man sich schämt, man dieses ganze elende Schwachsein nur jemandem sagen will, dem man vertraut.

Mutter und Tochter Hand in HandWorüber  in solchen Zeiten eine wie ich dann gleich auch noch nachdenkt:
Kinder machen diese Erfahrung ständig, sie habend dauernd auch Schwächen und brauchen dauernd bei diesem und jenem Hilfe. Und wenn wir ein Ohr und feines Gespür dafür haben, dann geht es ihnen eben genauso, eben einfach menschlich:  Je mehr sie noch Hilfe brauchen, je kleiner sie sich fühlen (wie wir Großen bei plötzlich harten Krankheiten), umso mehr schreien, rufen sie nach denen, denen sie vertrauen, bei denen sie sich fallen lassen können, weil die körperlichen und seelischen Notwendigkeiten des Versorgtwerden- Müssens sich mit diesen Menschen vertraut anfühlen.

Es ist und bleibt wichtig, dass Kinder so sein dürfen: bedürftig; dazu mit ihrem unbestechlichem Gespür, wem sie sch überlassen, wessen Hilfe ihnen vertraut ist. Kinder sind in diesem klaren Verlangen „Du sollst das machen“, „Bei Dir will ich bleiben“ zwar für uns immer auch anstrengend. Wir alle sind in unserer hochaktiven Gesellschaft gar nicht mehr darauf gefasst, dass Kinder uns so sehr zwingen, da zu sein, nicht zu viel unterwegs und woanders aktiv zu sein. Aber Kinder üben dabei und zwingen uns als ihre Eltern dazu, wahrzunehmen, was Vertraut-Sein und Nähe ausmachen: Ja, genau – dass man sich nicht jedem überlässt. Kinder nötigen uns, feiner zu werden, Mitgefühl zu haben, genau zu spüren, was geht und was gerade zu viel ist. Ja klar, natürlich ist das manchmal auch nervig und natürlich bringt uns das alle immer wieder an den Rand unserer Geduld und unserer Kräfte. Aber letztlich macht uns dieses Genaue eines Kindes, dieses „Nein, ich will bei Dir sein, Du sollst mir helfen“ weicher, und damit menschlicher. Kinder nötigen uns, einfühlsam zu werden – und das ist etwas, was wir alle in Zeiten eigener Schwäche und Hilflosigkeit ausdrücklich wohltuend empfinden.

Ich habe die letzten Wochen wochenlang, viele Stunden Abläufe im Krankenhaus miterlebt. Unsere Krankenhäuser sind finanziell in der Pflege so eng versorgt, dass alle, die dort arbeiten nur noch schnell und wie im Akkord funktionieren müssen. Da erlebt man dann hautnah mit, was es heißt, wenn unsere Gesellschaft für Pflege bei Schwäche, für dafür wichtige Zeit und das nötige Mitgefühl, nicht ausreichend Geld bereit stellt: Pflegekräfte werden dann – auch bei größten Schmerzen und starkem Angewiesensein der Patienten wie bei Nahrungsaufnahme und Ausscheiden – angestrengt, sind wortlos in ihrer Hektik und sind aus lauter Stress keinesfalls mehr empathisch. Schon mal erlebt, was es heißt, wenn man plötzlich nicht mehr alleine essen, noch schwieriger, nicht mehr zur Toilette gehen kann? Da ist jeder von uns dermaßen froh, wenn jemand Zeit hat für diese Hilflosigkeit, Zeit hat für diese plötzliche Langsamkeit auch ein tröstendes Wort findet, für all die beschämende Ungeschicklichkeit; jemand freundlich bleibt und Verständnis hat für Kleinigkeiten, wie z.B. notwenige Hilfe beim Zudecken, weil der Hilflose sonst die ganze Nacht wegen Frieren gar nicht schlafen kann.

Girl walking on the slingWenn wir Kinder ernst nehmen, dann bringen sie uns all das bei. Auch wenn das tatsächlich sehr anstrengend ist, ist das letztlich doch gut so, oder? Weil Kinder uns zwingen – und das kommt uns dann allen in Zeiten der Schwäche zugute – dass wir wahrnehmen, was jemand, der Hilfe braucht, ernsthaft und wirklich braucht, um körperlich und seelisch im Lot zu bleiben. Das Tolle ist – und hier unterscheiden sich gesunde Kinder von Zeiten des schweren Krankseins – dass wir ganz sicher sein können, dass Kinder größer werden und einen unbändigen Drang haben, alles selbst zu können, also raus zu kommen aus ihrer hilflosen Lage. Super, oder? Nehmen Sie sich also jetzt mehr Zeit – denn eines ist ganz sicher: Es wird besser mit kleinen Kindern. Und das besonders Tolle: Kinder, die uns als Eltern warmherzig und empathisch und mit genug Zeit für Langsames und ihre kindliche Hilflosigkeit erlebt haben, sie sind eines Tages genau so warmherzig und empathisch, sollten wir eines Tages plötzlich solche Zeiten der Schwäche haben – weil sie es dann gar nicht anders kennen, es ihnen körperlich und seelisch ganz vertraut ist. Dann darf man sich fallen lassen –   das ist doch ein gutes Gefühl, oder?

Herzlich, bis zum nächsten Mal, wenn ich (hoffentlich bald!) wieder hier Zeit finde, Ihre
Ingrid Löbner

Schreibe einen Kommentar