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Ist der Grund, dass unser Kind schlecht schläft – weil wir in keinen guten Tagesrhythmus kommen?

Eltern kleiner Kinder bekommen heutzutage von vielen Fachleuten ans Herz gelegt, manchmal auch streng verordnet, mit ihren Babys/Kleinkindern unbedingt einen immer gleichen Tagesrhythmus zu leben. Das sei wichtig, damit das kleine Kind bald und leichter lerne, wann es Nahrung gibt, wann geschlafen wird und damit es zügig verstehe, sich leicht und klar in diesen Tagesablauf einzufügen. Außerdem sei Rhythmus ein wesentlicher und entscheidender Weg zu besserem Einschlafen und tieferem Schlaf eines kleinen Kindes.

Geborgenheit viel wichtiger als strikte Regeln

Eltern, die in unserer Sprechstunde beratende Hilfe suchen bezüglich leichterer Nahrungsaufnahme und besserem Schlaf ihrer kleinen Kinder erzählen dann oft, mit deutlich schlechtem Gewissen im Unterton, tja, sie würden nicht so ganz richtig regelmäßig leben, und wahrscheinlich sei das ja die Ursache aller Probleme. Die Eltern schämen sich oft, dass sie den Tag mit kleinem/n Kind/ern einfach nicht klarer strukturiert bekommen, dass jeder Tag etwas anders sei als der vorherige, dass mal das Kind lang, dann wieder kurz schlafe, dass ihr Kind mal früher Hunger zeige, mal später – und sie das nicht ändern könnten; man hört an ihrem Unterton, dass sie über sich selbst denken, sie würden schon jetzt darin versagen, ihr Kind ordentlich zu erziehen.
All den Eltern sage ich (mit Trost) dass es sehr normal sei, dass mit kleinen Kindern nicht jeder Tag gleich „rund“ laufe, dass kleine Kinder keine Uhrwerke seien, deren Glocke zur immer gleichen Stunde anschlägt, mal mit dem „Ton“ Hunger, dann mit dem „Ton“ Schlaf. Und vor allem: Dass Rhythmus nur in gewissem Maß, eher weniger stark der Grund sei, der guten Schlaf ermögliche oder ihn verhindere.
Immer und immer wieder bleibt zu wiederholen: Besser schlafen zu können hängt mit einer allgemeinen guten Entspannung zusammen, außerdem – für kleine Menschen zentral entscheidend  – von starken Gefühlen ihrer innerer Sicherheit und Geborgenheit.

Hören Sie auf Ihr Gefühl – und auf das Ihrer Kinder

Weit mehr als an immer gleichen Tagesabläufen hängt das gute Schlafen daran, ob ein Kind nah genug bei seinen Lieben schlafen kann. Das heißt für unsere modernen Wohnformen:  Dass ein kleines Kind also gerade nicht  allein in einem Zimmer, womöglich noch weiter weg in der oberen Etage schläft, während die geliebten Eltern (und Geschwister) unten im Wohnzimmer sind; dass also das Leben unten spielt, während das kleine Kind aber oben, mutterseelenallein in einem Zimmer, schlafen soll. Wie erzählen viele Eltern: „Kaum ist unser Kind eingeschlafen und ich schleiche aus dem Zimmer, ist das Kind schon wieder wach …“  Ja genau, weil kleine Kinder auch im Halbschlaf schärfste Antennen dafür haben, ob sie in Geborgenheit und Sicherheit, in der Nähe von jemandem schlafen.
Machen Sie es anders: Gehen Sie getrost dazu über, Ihr noch sehr kleines Kind an Ihren Körper zu binden und es am Körper schlafen zu lassen, dort schläft es meist am tiefsten und am längsten, weil es sich -ganz genau!- sicher und geborgen fühlt. Wenn Sie es mit Tragetuch oder Tragesystem an sich binden, haben Sie die Hände frei und können manche Arbeit erledigen.
Oder Sie sind selbst müde, dann legen Sie sich getrost mit Ihrem Baby hin, dösen oder schlafen mit ihm ein und holen sich getrost diese fehlende Mütze Ihres Nachtschlafs nach.
Oder, Ihr Kind ist schon etwas größer und Sie können/mögen es nicht mehr so viel tragen, dann richten Sie eine gemütliche Schlafecke im Wohnzimmer ein.

Mit Ruhe und Gelassenheit kommt der Rhythmus von ganz alleine

Ich nenne das: „Das uralte Prinzip: Schlafen, wie einst am Feuer“. Was einst die Feuerstelle war, um die herum das Leben der Familie sich abspielte, ist heute das Wohnzimmer/ die Wohnküche, wo das Leben mit Kindern tobt, spielt, sich abspielt. Hier darf auch geschlafen werden, denn hier hört man noch im Schlaf die murmelnden Geräusche des Alltags, hört, dass alle da sind, dass man nicht alleine ist, dass man – durch die Nähe der geliebten Bindungs-Personen –  sicher und geborgen ist.
Dass ein Kind mal früher, mal etwas später Zeichen der Müdigkeit zeigt, ist ganz normal. Wichtig ist, dass man als Mama/Papa Zeichen der Müdigkeit wahrnimmt, man spürt, dass das Quengeln des Kindes nicht Langeweile oder Mangel an Unterhaltung bedeutet, sondern Quengeln und Unruhe bedeuten, dass die Energie des Kindes nachlässt und es Ausruhen, Dösen, Schlaf braucht.  Wenn Ruhe, Dösen, Schlafen für ein Kind nicht gleichbedeutend mit Allein-Sein-Müssen ist, dann ist etwas Zur-Ruhe-Kommen, Dösen und Einschlafen mit Nähe, mit Gemütlichkeit und wohligem Loslassen verbunden – und gerade nicht mit Stress, Alleinsein und dadurch mit Anspannung.

Bei den meisten Kindern stellt sich mehr oder weniger ein „In-Etwa-Tagesrhythmus“ schließlich nahezu wie von selbst ein.
Ja, stimmt schon, in etwa die Tage gleich zu strukturieren hilft uns Menschen allen, uns Großen wie den Kleinen, dass unser Körper deutlicher Hunger und Müdigkeit zeigt, dass durch etwas Rhythmus in den Tagen unser Körper uns darin unterstützt, auch innerlich leichter im Lot zu sein. Mal mehr, mal weniger.
Aber wenn wir daraus eine strenge Anforderung machen, dann entsteht doch schnell wieder Anspannung und Stress – beides sind Gegenspieler für Hunger und Appetit, Müdigkeit und Schlaf.
Also, glauben Sie es getrost: Am ehesten ist es die Sicherheit und Geborgenheit des Zusammen-Seins, die die Freude an Appetit und Essen beflügeln, und die das Loslassen ins Dösen und Einschlafen ermöglichen. Bei Stress und Anspannung geht der Magen eines Kindes zu und jegliches Loslassen in Richtung Müde-Werden und Einschlafen wird unmöglich. Das alles kennen wir doch auch von uns selbst.
Und wenn ihr Kind beim ersten Versuch nicht gleich einschlafen kann, dann darf es  noch einmal, nein, nicht Aufdrehen und Toben; aber durchaus noch ein Weilchen versonnen vor sich hin spielen, bis die Müdigkeit sich bei ihm wieder heranschleicht und ihr Kind sich – auch übers verträumte Spielen –  leichter fallen lassen und einschlafen kann. In Ihrer Nähe – dann wird Einschlafen wohlig, und das Schlafen klappt, durch die gespürte Geborgenheit, länger.

Und wie immer: Jedes Kind ist anders, bleiben Sie bei sich!

Dabei nicht vergessen: Bei allem, was uns Menschen im Allgemeinen betrifft, gibt es immer manche Menschen, die es ganz anders mögen: Manche kleine Kinder schlafen tief und fest an einem ruhigen Plätzchen, weiter weg von allen Alltags-Geräuschen. Auch das ist natürlich möglich und auch das respektieren wir – logisch schlafen diese Kinder dann getrost dort, wo sie sich am besten entspannen und am tiefsten träumen; wenn sie es lieber mögen, dann auch in einem Bettchen etwas weg von allem Trubel.

Wenn ich dieses Prinzip des „Schlafen in der Nähe der Lieben“ empfehle, melden die meisten Eltern erleichtert zurück: „Die ewigen Schlafprobleme entspannten sich zügig – unser Kind schläft mehr, ruhiger und länger.“
Übrigens, auch zum Thema Schlafen finden Sie in Astrid Lindgrens Erzählung „Die Kinder aus der Krachmacherstraße“ eine liebenswerte kleine Episode; denn auch bei den Kindern aus der Krachmacherstraße kann – ganz typisch- ein kleines Kind nicht einschlafen. Warum? Seine Cousine weiß die Lösung: Weil es allein, in der Dunkelheit, ganz woanders, zu Besuch bei der Verwandtschaft, in fremdem Zimmer, sich nicht wohlig und geborgen fühlt. Lesen Sie selbst  – Sie werden, schmunzelnd, Ihr(e) Kind(er) wiedererkennen.
Bis zum nächsten Mal, herzlich
Ingrid Löbner

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