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Ständige Unruhe – was nun? (2)

Liebe Eltern,
wie versprochen, schreibe ich hier in nächster Zeit immer wieder zum Thema der häufigen Unruhe jüngerer Kinder (bis zum Schulalter).
Wie in meinem letzten Beitrag angesprochen ist unser durchgetaktetes Leben, das sich für uns Erwachsene nach ständigen Zeitplänen richtet für jüngere Kinder meistens zu anstrengend. Kinder träumen sich mehr in die Welt als dass sie über die Art unserer erwachsenen Gedanken und gedanklichen Strukturierung schon mitleben können. Wie die Neurobiologie uns zeigen kann (Sie können Entsprechendes bei Gerald Hüther oder Manfred Spitzer nachlesen), brauchen Kinder diese Zustände des verspielten Träumens, der „tagträumenden Trance“, weil sich auf diese Weise starke, klare Nervenbahnen in ihrem Gehirn bilden können. (Wir alle brauchen solche Momente der Trance: wenn man nach konzentrierter Arbeit das Bedürfnis hat, gedanklich ganz abzuschalten, erstmal den „Kopf wieder frei bekommen will“, man nach Zuständen sucht, in denen man nichts aktiv denkt und die Seele baumeln lässt). Kinder sind auf Langsamkeit und Trödeln also angewiesen.

Man wusste das bis in die 1970-, 1980er Jahre hinein besser als heute und die Erwachsenenwelt nahm darauf mehr Rücksicht – Kinder durften auch noch als Schulanafänger überall später anfangen, weil man der Tatsache Rechnung trug, dass sie bei allem noch langsam sind und sich noch nicht gut nach unseren erwachsenen Uhren und oft sehr schnellen Zeitplänen richten können. Wenn Sie als Eltern beide arbeiten, versuchen Sie es so einzurichten, dass einer von Ihnen morgens langsamer machen kann, erst später losgehen  muss. Wenn Sie Ihren Kindern noch eine Freude machen wollen, arbeiten Sie beide nicht zu viel, damit ein Elternteil, oder Sie beide abwechselnd, viel trödelnd zu Hause sein können – Kinder lieben das. Wenn  Sie heutige Erwachsene fragen – ich tue das bei Fortbildungen und als Dozentin in jedem Kurs, also ständig und ganz regelmäßig – geben mir alle ständig dieselbe Antwort: Sie verbinden es mit wohltuenden Erinnerungen, wenn ein Elternteil viel Zeit fürs Dasein mit den Kindern zu Hause hatte, wenn einfach jemand „da“ war für das Kind/die Kinder.

Ja, ich höre und kenne Ihren Einwand: Sie müssen arbeiten. Ich weiß nur zu gut um die Probleme und den Druck unter dem junge Familien heute stehen und setze mich in meiner täglichen Arbeit und hier dafür ein, dass sich daran etwas ändert – Familien brauchen noch mehr Unterstützung und mehr Flexibilität für alle und mehr Ruhe für unsere Kinder. Zur wirtschaftlichen Problematik des Familieneinkommens lesen Sie hier meine früheren Beiträge, infolge dann ganz besonders das Buch von Jürgen Borchert  -Vorsitzender Richter a.D. des Sozialgerichts Hessen -: „Sozialstaatsdämmerung“. Borchert gibt in diesem Buch durch Fakten zur Familienpolitik Ihrem Gefühl recht: Als Familie würden Ihnen dringend steuerliche Entlastungen zustehen.

Mehr Unterstützung, mehr Flexibilität und mehr Geld für Familien

Familien brauchen mehr Geld und bezahlen zu viele Steuern und Abgaben. Das Buch liest sich sehr gut, machen Sie sich kundig, organisieren Sie sich in Familienverbänden und wehren Sie sich gemeinsam, gehen Sie öffentlich auf die Barrikaden! Gemeinsam sind Sie stärker als als eine Familie alleine.
Halten Sie zeitliche Anforderungen für jüngere Kinder immer etwas weicher, flexibler, denn das nimmt viel Stress und Streit heraus im Leben mit jüngeren Kindern. Sagen Sie nicht: „In fünf Minuten hast Du Dich angezogen, alle Spielsachen aufgeräumt  usw. ….“
Fangen Sie weicher an, sagen Sie eher: „Bald gibt es Frühstück (Mittag/Abendessen …), so langsam denk dran, dass Du Dich anziehen wolltest -morgens- oder -abends-, dass Du Deine Puppen ins Bett bringen wolltest / die Tiere, mit denen Du spielst noch gefüttert werden müsssen und in den Stall sollten/ Deine Autos langsam in die Garage unter Deinem Bett gefahren werden sollten“ – und gehen Sie davon aus, dass ein Kind nur langsam aufhört sich auszutrödeln, dass Sie natürlich noch ein-, zweimal an diese Dinge erinnern, bis es dann langsam klappt. Und beim Anziehen morgens oder beim trödelnden, verträumten Essenstempo abends – helfen Sie einfach immer wieder mit.

Kinder in Ihrer Langseimkeit annehmen und unterstützen

Es st nicht übertrieben, jüngeren Kindern in ihrer Langsamkeit zu helfen, ihnen mit „sanften“ Zeitvorschlägen immer wieder entgegen zu kommen. Das kommt ihrer Träumerei entgegen (die sie um ihrer kindlichen Hirn-Entwicklung wirklich brauchen) und es entzerrt unser ewiges, für alle nervaufreibendes Antreiben.
Wenn Sie eher schnell leben müssen, weil Ihr Beruf das erfordert – vielleicht können Sie sich mit ein, zwei anderen Familien, die auch jüngere Kinder haben, zusammen tun und können immer wieder sich gegenseitig so die Kinder abnehmen und sich dadurch gegenseitig zeitlich aushelfen. So, dass ein Elternteil mehr Zeit einräumt und dafür die Kinder aller Familien in zeitlichen Engpässen übernimmt. Dann müssen die (meisten) Erwachsenen schnell los, aber die Kinder dürfen bei einem der Erwachsenen noch langsam machen. Gemeinsam, als mehrere Familien die Kinder zu versorgen, das macht sowieso sehr viel mehr Freude und Spaß, als es als Kleinfamilie alles alleine zu stemmen.
Gemeinsam sind wir immer besser und stärker – und alle haben mehr Begegnungen,mehr Witz und Spaß im alltäglichen Leben. Und meistens entstehen aus solchen gemeinsamen Anforderungen tief verlässliche Freundschaften – für die Erwachsenen, für die Kinder, davon profitieren Sie ein Leben lang. Viel Freude gemeinsam, langsam, das
wünsche ich Ihnen.
Bis zum nächsten Mal, herzlich
Ihre Ingrid Löbner

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